Doch, es sind alle Männer. – Ein Appell an Männlichkeit.

(diesen text habe ich kurz nach bekanntwerden der vorwürfe gegen christian ulmen verfasst & lange nach einer möglichkei zur veröffentlichung gesucht. so manche redaktion wurde kontaktiert, aber der austausch ist sehr zäh & ich möchte nicht noch länger warten.)

Die Vorwürfe der sexuellen Gewalt die Collien Fernandes durch ihren Ex-Partner erfahren musste, haben eine öffentliche Debatte über digitale sexuelle Gewalt in Gang gesetzt. Die gesellschaftliche Empörung ist zu Recht groß, wenn sie auch viel zu spät dran ist, bedenkt man doch, dass Collien Fernandes schon seit Jahren öffentlichkeitswirksam auf der Suche nach dem Täter oder den Tätern war, ohne, dass dies offenbar für öffentliche Debatten bisher genug Relevanz gehabt hätte. Nun wo es ein Gesicht zu den Vorwürfen gibt & dieses Gesicht ausgerechnet noch zu jemandem gehört der doch immer einer von den „Guten“ war, ist die Betroffenheit allgegenwärtig & gute Männer sind natürlich empört, wenn man sie denn überhaupt dazu hört. Mann gibt sich überrascht, von Christian Ulmen hätte man sowas schließlich nicht erwartet. 

Ja, Christian Ulmen verstand sich in der Öffentlichkeit stets als Feminist und verstand es gut, ein Bild von sich zu vermitteln fernab von dem was die große Mehrheit unter toxischer Männlichkeit versteht. Er stand dabei stets in einer Reihe von Männern die durch ihr Auftreten ein neues Bild von Männlichkeit zeichnen wollten. Und wie auch in anderen Fällen wie z.B. im Fall El Hotzo zeigte sich einmal mehr, dass  dieser neue Anstrich von Männlichkeit keinen Wert hat oder hatte. Männlichkeit bleibt gefährlich & unberechenbar auch mit lackierten Fingernägel oder bewusst softer Ausstrahlung. Auch mit weichem Bauch & kautziger Ausstrahlung. Es hat sich wieder einmal gezeigt: Männer sind nicht auf einmal die Guten, bloß weil man sich nun irgendwie soft & feministisch gibt. Es gibt sie schlicht und ergreifend nicht, diese „Guten“.  Es reicht nicht so zu tun, als hätte man verstanden worum es bei Feminismus geht, wenn man sich dann genauso verhält wie alle anderen. Vorallem dann nicht, wenn Männer sich dadurch jeder Verantwortung entziehen. Als Feminist kann man sich ja schließlich garnicht misogyn verhalten, Mann steht ja schließlich auf der richtigen Seite. 

Jeder (!) Mann der als Mann erzogen wird, der aufwächst in dieser Gesellschaft, reproduziert irgendwann im Laufe seines Lebens dieses System, dass sexuelle Gewalt ermöglicht & ausübt & normalisiert. Dafür braucht es keine aktive Täterschaft. Es reicht sich anzuschauen, wie über Frauen geredet wird wenn „Männer unter sich“ sind. Es reicht sich anzuschauen, welche Pornos Männer konsumieren, wie Männer Beziehungen führen oder wie wir wegschauen wenn z.B. einer unserer Freunde sich frauenfeindlich verhält. Sei es durch „Witze“, irgendwelche Sexgeschichten oder sonst was. Es reicht sich anzuschauen, wie diese Gesellschaft die von Männern für Männer gebaut wurde, funktioniert, wie sie reagiert, wenn das Gebilde aus Privilegien ins Wanken gerät. Jeder Mann, der in dieser Gesellschaft aufgewachsen ist, wird irgendwann im Laufe seines Lebens über Grenzen einer Frau gehen oder gegangen sein. Sei es durch „Überreden“, was uns immer wieder als „Erobern“ verkauft wird, oder auch das Ausnutzen eines z.B. alkoholisierten Zustandes oder oder oder. Die Liste ist lang & auch ich kann mich von diesem Verhalten nicht freisprechen. Auch ich habe Grenzen überschritten, physisch & psychisch, über sexistische Witze gelacht, rumgemackert & vorallem auch das Maul gehalten, wenn Freunde sich übergriffig verhalten haben. Nichts davon ist zu entschuldigen. Und nichts davon empfand ich damals als problematisch. Ich war der Meinung, ich würde mich vollkommen normal & angemessen verhalten. Ich habe das was ich tat, nicht hinterfragt, hab mich als Feminist verstanden. Und mit diesem Selbstbild war & bin ich nicht alleine. Es reicht eben nicht sich Feminist zu nennen.

Es ist längst überfällig, dass wir für unser Handeln Verantwortung übernehmen. Dass wir einsehen, dass wir alle Teil des Problems sind, ob wir uns nun als einer von den „Guten“ verstehen oder auch nicht. Es wird höchste Zeit, dass wir das Verhalten unserer Freunde hinterfragen, unser Umfeld und unsere Akzeptanz & das Wegschauen bei Dingen, die dieses frauenverachtende System aufrecht erhalten und reproduzieren. Es wird höchste Zeit, dass wir aufhören uns einzubilden, dass wir kein Teil des Problems sind. Es wird höchste Zeit, dass die Wut von Frauen nicht mehr hinterfragt oder ihnen abgesprochen wird. Es wird höchste Zeit zuzuhören, zu reflektieren und es besser zu machen. Es wird höchste Zeit, den eigenen Konsum von frauenfeindlichen Medien zu hinterfragen & zu beenden, sei es Musik, seien es Filme, Serien oder auch Pornographie. Es wird höchste Zeit, dass wir aufhören uns von Dingen wie „Alle Männer sind Täter“ angegriffen fühlen, sondern anfangen uns zu fragen wo dieser Vorwurf herkommt. Wegschauen, Ignorieren und Hinnehmen ist nämlich auch immer Mittäterschaft, denn dadurch werden die Räume geschaffen, die aktive Täterschaft überhaupt erst möglich macht. Fast jeden Tag stirbt eine Frau durch einen ihr nahestehenden Mann. Nicht Frauen müssen uns irgendwas beweisen, sondern wir sind es, die etwas beweisen müssen,  wenn wir nicht mehr als Täter wahrgenommen werden wollen.  Wir müssen beweisen, dass wir bereit sind Verantwortung zu übernehmen, wir müssen beweisen, dass wir bereit sind zuzuhören. Wir müssen beweisen, dass für uns Feminismus nicht bloß irgendein Lippenbekenntnis ist. Wir müssen beweisen, dass wir Männern die sexuell gewalttätig und oder übergriffig sind, sei es durch physische oder psychische Gewalt, und ja da zählt absolut jede Abwertung von Frauen dazu, Räume entziehen, rote Linien aufzeigen und sie zur Verantwortung ziehen. Wir Männer müssen beweisen, dass wir feministisch handeln der Sache wegen & nicht der Bestätigung und Wahrnehmung wegen. Margarete Stokowski hätte es nicht besser schreiben können in ihrem neuesten Artikel im Spiegel:

Männer müssen mit dem Risiko leben, dass Frauen erst mal skeptisch sind, wenn sie erklären, sie seien Feministen. Es ist aber keine so dramatische Gefahr, dass vielleicht mal eine Feministin mit den Augen rollt, während sie reden. Try harder, überzeugt uns!

Vor allem aber müssen Männer damit leben, dass es keine To-do-Liste gibt, die sie abarbeiten können und wo statt einem »Bete drei Ave-Maria und zwei Vaterunser« die Absolution erteilt wird mit einem »Geh auf drei Demos, spende an ein Frauenhaus, verprügel einen Vergewaltiger und arbeite die Leseliste durch, die dir eine Frau zusammenstellt«.

(https://www.spiegel.de/kultur/margarete-stokowski-zum-fall-collien-fernandes-wie-unterscheidet-man-feministen-und-feministen-a-4cd4b0f5-afdb-42af-a36b-b8076eeddc26)

Wenn du als Mann möchtest, dass Flinta-Personen  in deiner Umgebung in Sicherheit leben & aufwachsen, dann musst du immer auch bei dir selbst anfangen. Wenn du möchtest dass du als Feminist ernst genommen wirst musst du, müssen wir alle, damit beginnen, Verantwortung zu übernehmen. Es ist längst überfällig, dass wir uns alle fragen: „Was ist mein Beitrag zu einem System welches Epstein ermöglicht, welches Christian Ulmen ermöglicht, welches ermöglicht, dass fast täglich eine Frau ums Leben kommt weil sie eine Frau ist?“ Diese Frage müssen wir Männer uns alle stellen! So unangenehm es auch ist, es ist die einzige Möglichkeit wirklich ECHTE Verantwortung zu übernehmen! Das ist die einzige brauchbare Lösung. Wir brauchen keine Versprechen von neuer Männlichkeit, wir brauchen keine Versprechen von alter Männlichkeit, wir brauchen vorallem endlich Männer, die Verantwortung für ihr eigenes Handeln und ihr eigenes Tun übernehmen, statt ständig nur über die Anderen zu reden. Männer die bei SICH anfangen. Es wird Zeit feministische Aufklärung und Bildung endlich selbst in die Hand zu nehmen, statt sich auf der Aufklärungs-Arbeit auszuruhen, die von sovielen Frauen bereits geleistet wurde & wird. Es ist an uns, Männern, die sich nicht im Griff haben die Tür zu zeigen. Du willst ein sicherer Hafen sein für Frauen in deiner Umgebung? Für queere Menschen? Dann ist jetzt ein guter Zeitpunkt damit anzufangen. Lest feministische Lektüre, hört den Frauen in eurem Umfeld zu, hinterfragt Geschlechterrollen, hinterfragt euch, hinterfragt das misogyne System unserer Gesellschaft & seid laut wenn andere Männer sich misogyn verhalten. Hört auf, Täter zu schützen und möglich zu machen! Hört auf Bestätigung zu erwarten bloß weil ihr euch nicht wie ein Arschloch benehmt. Tut es für euch! Befreit euch davon dass Männlichkeit irgendwie bewiesen werden müsste oder irgendetwas sein oder darstellen muss. Nur so kann dieser Kreislauf aus misogyner Gewalt endlich aufgehalten werden.  

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