Ich bin mal wieder erkältet und kann die vielen Male in denen ich das in den letzten knapp 3 Jahren war, nicht mehr zählen. Woran das liegt? Ich arbeite als Erzieher in einer Kinderkrippe – oder mit anderen Worten: Ich bin 6-8 Stunden am Tag Kleinkindern ausgesetzt, die mir ins Gesicht husten, niesen oder ihre laufenden Nasen überall abschmieren. Man könnte also sagen, Erkältungen oder auch die vielen anderen ansteckenden Krankheiten die in Kindergärten ihr Unwesen treiben, gehören zu meinem Berufsalltag fest dazu. Es gibt das Eine nicht ohne das Andere. Natürlich gewöhnt man sich irgendwann an die Virenbelastung, aber besonders als Berufsanfänger_in nimmt man alles mit was geht. Da kommen schnell 30 oder mehr Krankheitstage im Jahr zusammen (Der Bundesdurchschnitt für Beschäftigte in Kindergärten liegt übrigens bei 30-32 Tagen). Über den Bundesdurchschnitt von 14,8 Tagen (siehe Statistisches Bundesamt, 2025) kann man da nur beherzt lachen. Genauso wie über die aktuell geführten Debatten über zu hohe Krankheitsausfälle oder angeblich fehlender Arbeitsmoral – obwohl es da eigentlich garnicht soviel zu lachen gibt, wenn man sich mal kurz mit den Auswirkungen von solchen Debatten auseinandersetzt.
Die aktuelle Debtte erzeugt nämlich, von den vielen lebensfremden nicht zu ertragenden Talkshowdiskussionen mal abgesehen, vorallem eine Menge Druck bei Arbeitnehmer_innen. Man bekommt nämlich insgesamt den Eindruck, dass jeder Mensch der zuhause bleibt, weil man sich nicht arbeitsfähig fühlt, ein Drückeberger ist, der einfach nur viel Geld kostet und unserer heiligen Wirtschaft schadet. Und damit erfüllt die Debatte natürlich auch ihren vollen Zweck – schließlich möchte ja niemand unter den Arbeitskolleg_innen als Drückeberger oder Blaumacher_in gelten. Ich will damit nicht sagen, dass diese Angst nicht auch schon vorher bestanden hätte (jede_r der_die schonmal in Lohnarbeit gearbeitet hat, kennt z.B. das Lästern über kranke Arbeitskolleg_innen innerhalb von Belegschaften) aber die aktuellen Aussagen von Merz und Co bringen das ganze noch einmal auf ein anderes Niveau. Die CDU und Konsorten stellt Millionen von Arbeitnehmer_innen unter einen Generalverdacht, der ziemlich sicher dazu führen wird, dass die deutsche Leistungsgesellschaft ein neues Level an Lebensfeindlichkeit erreichen wird.
Natürlich überlegen es sich Leute 3 Mal, ob sie krank zuhause bleiben, wenn es in der öffentlichen Meinung offenbar keinen legitimen Grund dafür gibt. Und klar war das auch schon vor dieser ganzen Debatte so (Ich kenne wirklich niemanden der_die ohne schlechtes Gewissen krank zuhause bleiben kann, mich eingeschlossen). Und natürlich bringen viele Eltern seit jeher ihre kranken Kinder in die Einrichtungen, weil sie oft nicht zuhause bleiben können, um sich um ihr krankes Kind zu kümmern. Das ist dann eben auch der Grund dafür, dass Leute wie ich gefühlt alle 2 Wochen irgendeine Seuche mit nach Hause bringen. Das ist ein nie endener Teufelskreis, der ziemlich deutlich macht, wie vollkommen realitätsfern diese ganze Diskussion doch ist.
Machen wir es doch mal deutlich: Auf den meisten Eltern ruht ein großer finanzieller existenzieller Druck. Es gibt womögich Dinge abzubezahlen oder (und das ist eine Realität die gern mal ausgeblendet wird) man ist z.B. alleinerziehend und kann es sich schlicht und ergreifend buchstäblich nicht leisten auf der Arbeit zu fehlen. Jetzt wird das eigene Kind krank und was passiert dann? Oft wird das Kind dann trotzdem in die Einrichtung gebracht. Warum das passiert? Ich denke tatsächlich die wenigsten Eltern tun dies aus einer bösen Absicht heraus (und natürlich regt man sich manchmal auch darüber auf, dass kranke Kinder in die Einrichtung gebracht werden), ich denke aber das passiert vorallem deshalb, weil viele Eltern unter Druck stehen. So wie jede_r Arbeitnehmer_in unter ständigem Druck stehen. Druck der erzeugt wird, durch Krisen, durch Existenzängste und eben auch durch solche Debatten wie die aktuellen. Druck den ich auch verspüre, fast pausenlos. Druck der dazu führt, dass man sich krank auf die Arbeit schleppt, Druck der dazu führt, dass man dann andere ansteckt, Druck der dazu führt, dass kranke Kinder in Einrichtungen gebracht werden, Druck der dazu führt, dass Belastungen für fittes Personal steigen, bis auch dieses schließlich krank wird. Druck auf Einrichtungsleitungen, der dazu führt, dass Einrichtungen mit Biegen und Brechen aufgehalten werden, auf Kosten aller die dort arbeiten. Druck der dazu führt, dass sich dieser auf das eigene Immunsystem auswirkt und man anfälliger für Krankheiten wird. Druck der auch anfälliger macht, für psychische Krankheiten (von denen ich ja hier nicht einmal spreche). Tatsächlich sind die Atemwegserkrankungen von denen ich hier großteils rede, ja nur die Spitze des Eisbergs.
Man kann es als kranke_r Arbeitnehmer_in eigentlich nur falsch machen: Geht man nicht zur Arbeit, lässt man das Team oder das Unternehmen im Stich, geht man zur Arbeit steckt man andere an und läuft Gefahr Krankheitsverläufe zu verschleppen. Bleibt man zuhause ist man möglicherweise Drückeberger, geht man zur Arbeit ist man womöglich verantwortungslos. Was soll man also tun? Für wen soll man jetzt Verantwortung übernehmen? Für sich selbst? Für die Arbeitskolleg_innen? Für den_die Chef_in? Für die deutsche Wirtschaft? Für die, während der Covid-Pandemie in aller Munde gewesenen und nun vergessenen, Risikogruppen? Welche Lebensrealität soll das abbilden, wenn Merz fragt ob das sein müsse, dass die Arbeitnehmer_innen in Deutschland im Durchschnitt 3 Wochen krank sind? Wie absolut lebensfremd kann eine Frage denn sein (ich weiß natürlich, dass jemand der sich als Millionär zum Mittelstand zählt, sowieso jeglichen Bezug zur Realität verloren zu haben scheint)? Und obwohl ich das weiß, stell ich mir die Frage auch selbst. Man muss nämlich wissen, bei psychisch kranken Menschen wie mir, rennen diese Debatten und Fragen offene Türen ein. Ich halte mich grundsätzlich für einen Simulanten, schließlich geht es ja irgendwem immer schlechter. Und so schleppe auch ich mich natürlich nach wie vor viel zu oft krank zur Arbeit & bereue dies jedes Mal.
Unser gesellschaftlicher Umgang mit Krankheiten aller Art ist es, der dazu führt, dass Erkrankte sich niemals krank genug fühlen. Es bleibt grundsätzlich ein schlechtes Gewissen – und so ist das ja auch gewollt, wie wir schon festgestellt haben. Kranke kosten Geld und Geld haben wir keins. Aber was können wir denn jetzt tun? Oder was sollten wir tun? Ich habe auch keine Universalantwort auf diese Frage, aber es gibt zumindest eine Sache mit der wir uns Arbeitnehmer_innen große Entlastung schaffen könnten: Diese Sache ist Solidarität! Wenn wir es schaffen, uns als arbeitende Einheit zu verstehen statt uns gegeneinander auszuspielen, dann wäre schoneinmal viel geschafft um dem Druck von oben entgegenzuwirken. Wenn wir aufhören über kranke Kolleg_innen zu lästern, wenn wir es schaffen unseren Frust über die vielleicht entstehende Mehrarbeit an die Richtigen zu adressieren, nämlich die, die für z.B. dünne Personaldecken verantwortlich sind, wenn wir es schaffen ein Betriebsklima zu schaffen, in dem Menschen aufgefangen werden wenn sie z.B. krank sind & ausfallen statt diese Menschen pauschal als unproduktiv & Störfaktor zu brandmarken.
Was fehlt um gegenüber dieser öffentlichen Diskussion & diesem Generalverdacht der Blaumacherei wirksam entgegen zu treten ist ein solidarisches Miteinander auf jeder Ebene! Diese Debatte soll uns spalten & Angst machen, deshalb dürfen wir uns nicht spalten lassen. Es steht nicht weniger auf dem Spiel als unser Recht auf Selbstbestimmung, denn ob man arbeitsfähig ist oder nicht, entscheidet letztlich das eigene Gefühl. Und damit eben jenes Gefühl nicht getrübt ist von einem durch Wirtschaftsinteressen erzeugtem schlechten Gewissen, müssen wir füreinander da sein. Wenn wir nicht aufhören uns krank zur Arbeit zu schleppen weil wir uns derart verantwortlich fühlen, dann hören wir auch nicht auf das System zu tragen welches uns krank macht.
Drum seid solidarisch! Tragt Maske wenn ihr krank seid & bleibt zuhause wenn ihr könnt. Seid wachsam für den Struggle eurer Arbeitskolleg_innen & greift unter die Arme wo es geht. Werdet laut, wenn ihr Systeme tragen sollt, die allein nicht zu tragen sind. Das ist euer gutes Recht, nicht nur in Kindergärten oder anderen Einrichtungen. Für dich, für euch, für andere!