Sie ist mein ständiger Begleiter, bestimmt fast gänzlich mein Handeln & steht mir seit sovielen Jahren immer wieder im Weg, hält mich davon ab rauszufinden was ich möchte, was ich brauche oder wer ich bin. Es gibt nur wenige Momente in meinem Leben in denen ich keine Schuld spüre, wenige Momente in denen ich mich wirklich frei fühle. Schon als Kind fühlte ich mich schuldig wenn es mir schlecht ging oder ich etwas nicht hinbekommen habe. Ich habe teils schwere Gewalt erfahren durch das Mobbing in meiner Schulzeit & selbst das, stets mit mir selber ausgemacht. Das ständige Gefühl eine Last zu sein, wenn ich Hilfe oder Unterstützung brauchte oder brauche, hat sich so tief in mein inneres Arbeitsmodell eingebrannt, dass es keinen Bereich in meinem Leben gibt, der nicht davon betroffen ist. Es gibt kaum einen zwischenmenschlichen Kontakt in dem Schuld keine Rolle für mich spielt. Stets das Gefühl im Hinterkopf zu haben, dass das Leben mit mir selbst als Person für andere anstrengend ist oder sein könnte, führt dazu, dass ich mir oft eigene Bedürfnisse garnicht erst erlaube. Ich verstecke diese dann häufig hinter dem Bedürfnis meines Gegenübers. Ich kann nicht einfach sagen, dass ich Durst habe & etwas zu trinken kaufen möchte, ich frage mein Gegenüber, ob es Durst habe & ob man etwas kaufen soll. Wird diese Frage verneint, versuche ich solange die andere Person zu überreden, bis sie dann schließlich ja sagt. Oder aber ich nehme es hin & verzichte auf mein Getränk. Warum? Weil ich Angst habe, mit meinem Bedürfnis zuviel zu sein, zu anstrengend zu sein, eine Zumutung zu sein, Angst habe vor einer Reaktion, die mir sagt, dass mein Bedürfnis grade nicht angebracht ist.
Ich bin Borderliner mit ADHS: Verlustängste zu haben oder Ängste zu haben, dass ich zuviel sein könnte, sind feste Bestandteile dieser Identität mit der ich lebe. Ich habe nur selten das Gefühl, dass Menschen Zeit mit mir Verbringen, weil sie das gern tun. Eigentlich nie. Ich hab grundsätzlich das Gefühl, dass es dabei um Mitleid geht oder aber um die Dinge die ich für eben jene Menschen tue. Deswegen habe ich immer das Gefühl, dass ich Dinge tun muss. Mein inneres Arbeitsmodell versucht Bindung zu Menschen vorallem dadurch aufzubauen, dass ich mich Stück für Stück unverzichtbar mache. Das klingt sehr manipulativ, dass weiß ich, aber nichts davon passiert bewusst. Ich habe kein anderes Beziehungsmodell gelernt, ich hatte kein anderes Vorbild. Ich habe gelernt, dass Beziehungen vorallem auf gegenseitiger Schuld dem_der anderen gegenüber beruhen. Ich bin in der Vergangenheit häufig voll & ganz in meinem Gegenüber aufgegangen, habe immer mehr vermeintliche Gemeinsamkeiten geschaffen, durch Unterordnung meiner eigenen Persönlichkeit, um so die Bindung zu intensivieren & zu sichern. Das ging natürlich nie lange Gut. Schuld ist nie ein guter Antrieb für irgendetwas.
Wenn Schuld der Antrieb ist, dann geht es in Beziehungen oder grunsätzlich im Leben nur darum, keine zu empfinden. Alles was man tut, tut man aus dem vermeintlichen Gefühl einer inneren Verpflichtung und Unsicherheit heraus. Man erlaubt es sich einfach nicht, eigene Bedürfnisse oder Wünsche zu haben. Man erlaubt sich nicht ein Gefühl für sich selbst zu entwickeln. Man erlaubt sich nicht auf die eigenen Grenzen zu bestehen oder überhaupt welche zu haben. Und das alles nur weil man sich selbst als nicht wertvoll genug erachtet. All das nur, weil man eigene Bedürfnisse, Grenzen, Gefühle & Wünsche nicht als valide erfahren hat. Jede Situation in der mir gesagt wurde, ich würde übertreiben, jede Situation in denen meine Gefühle relativiert worden sind, jede Situation in der meine Grenzen als willkürlich oder unnötig bezeichnet wurden, jedes Stigmata, dass mir aufgrund meiner psychischen Krankheiten angelastet wurde, hat dazu beigetragen, dass ich mich selbst entwertet habe, hat dazu beigetragen, dass ich mich schuldig dafür fühle, dass Menschen mich ertragen & aushalten müssen. Kein Mensch sollte sich so fühlen. Jeder Mensch sollte das eigene Sein, als wertvoll erfahren, als valide, als etwas Positives – das kann aber nur dann gelingen, wenn wir alle ein Bewusstsein dafür entwickeln, wenn wir aufeinander aufpassen & unserem Gegenüber stets auf Augenhöhe begegnen und wenn wir Menschen Raum geben so sein zu können, wie sie sind. Du bist nicht egoistisch, wenn du dir Auszeiten nimmst, wenn du auf deine Grenzen achtest oder wenn du sagst was du möchtest. Egoistisch sind vorallem die, die dem keinen Raum geben wollen! Egoistisch sind die, die sich an deinen Grenzen stören oder an deinen Bedürfnissen. Niemand braucht diese Menschen im Leben & niemand ist solchen Menschen auch nur irgendetwas schuldig! Das dürfen wir niemals vergessen!