Mobbing ist kein Zufall.


Jasper Juhl hat mal gesagt, Kinder tun nicht was wir ihnen sagen, sondern sie tun das was wir ihnen zeigen & damit lässt sich eigentlich ziemlich genau erklären, warum Mobbing schon bei den Kleinsten so verdammt fruchtbar ist. Kinder lernen Konkurenzverhalten durch ihre Umgebung- durch die Schule, durch Gespräche am berühmten Frühstückstisch, durch den Umgang untereinander zwischen den Menschen in ihrem Umfeld. Nicht selten, sind Themen wegen denen gemobbt wird, Resultate von gesellschaftlichen Dynamiken: Klassismus, Ableismus, Rassismus, Sexismus – um hier nur mal ein paar zu nennen.

Kinder mobben andere Kinder wegen ihrer Kleidung, ihres Geschlechts & den Erwartungen an dieses, wegen einer anderen Hautfarbe, wegen ihrer Armut, wegen Eltern(teilen) mit Behinderung & ja manchmal auch „nur“ weil sich ein Name „lustig“ reimen lässt. Kinder mobben weil der Druck & das Konkurenzverhalten in Schulen mittlerweile immens sind. Kinder mobben um kein Opfer zu werden. Kinder mobben um dazuzugehören. Es ist vollkommen gleich wegen welcher Formen ihrer Andersartigkeit Kinder Gewalt & Ausgrenzung erfahren, sie haben meist alle eins gemeinsam: die Unsicherheit der Täter_innen, die Unsicherheit der Mittäter_innen. Kinder erleben wie wir über Menschen reden die „anders“ sind. Kinder erleben wie wir mit eben jenen Menschen umgehen. Kinder erleben den Druck der auf sie wirkt. Kinder erleben das Konkurenzdenken, dass wir ihnen von Kleinauf beibringen. Und sie erleben es nicht nur, sie verinnerlichen es. Sie nehmen es auf in ihren Wertekompass & in ihr Handlungsschema. Sie lernen Verhalten & ziehen den Schluss bloß nicht anders sein zu wollen. Schließlich möchte niemand zu den Menschen gehören über die wir schlecht reden oder die wir schlecht behandeln. Es entsteht eine riesengroße Unsicherheit. Wie soll ich sein? Wie darf ich sein? Wie soll ich mich verhalten? Zu wem möchte ich dazugehören?

Die meisten von uns kennen diese Unsicherheiten aus unserer eigenen Kindheit. Der Mensch möchte dazu gehören, möchte gesehen werden & positiv wahrgenommen werden. All das sind Grundbedürfnisse von uns allen. Besonders in dieser Phase der großen Unsicherheit bräuchten Kinder Unterstützung, Halt & Sicherheit.  Sie brauchen Vorbilder – und sie suchen sich diese- bevorzugt in den Menschen die eben jene Dinge vermeintlich oder tatsächlich ausstrahlen & vermitteln. Wenn also eben jene Vorbilder dadurch auffallen, dass sie schlecht über andere Menschen reden weil sie vermeintlich „komisch“, „asozial“ oder nicht normal sind, dann ist das ein Verhalten, von dem beobachtende Kinder denken, es sei normal & angebracht. Vorallem werden auch sie im Laufe der Zeit damit anfangen, Menschen in diese Kategorien einzuteilen. Es entsteht ein Kreislauf der sich immer wieder reproduziert. Dessen sollten wir uns stetig bewusst sein – sind es aber nicht. Stattdessen sind wir oft schockiert, wenn Kinder zu Täter_innen werden & verstehen nicht, wie soetwas passieren kann. Es passiert, weil wir nicht hinsehen. Es passiert, weil wir uns selbst nicht reflektieren. Es passiert weil sich Gesellschaft aus der Verantwortung zieht. Es passiert weil sich der Staat aus der Verantwortung zieht. Es passiert weil wir Warnzeichen übersehen. Und es passiert, weil unser vollkommen marodes Bildungssystem es nicht schafft & nicht schaffen kann all das aufzufangen. Und natürlich gibt es noch viele andere Faktoren die zu Rassismus, Klassismus, Queerfeindlichkeit etc. führen, aber an dieser Stelle soll es um Mobbing gehen.

Ich selbst bin Pädagoge & habe den Großteil meiner Kindheit Gewalt durch Mobbing erfahren. Ich habe Dynamiken in erster Reihe erlebt. Ich wurde gemobbt wegen fehlender Markenkleidung, weil mein Vater mit einer Gehbehinderung lebt, weil meine Mutter kurze Haare hatte und und und. Ich wurde gejagt, mir wurde aufgelauert, ich wurde erniedrigt usw. Aber ich war nicht nur Opfer dieser Gewalt, ich selbst war auch Täter. Auch ich habe anderen Kindern ihre Schulzeit zur Hölle gemacht. So konnte ich dazu gehören, Aufmerksamkeit von mir weglenken & war nicht „ganz unten“ in der Hackordnung. Ich kenne also beide Seiten der Dynamiken die zu diesen Dingen führen. 

Aber worauf will ich jetzt hinaus?

Ich habe das Gefühl, dass diese Perspektive auf Mobbing in der Öffentlichkeit nicht stattfindet. Also ganz davon abgesehen, dass Mobbing generell kein Thema ist, dass in öffentlichen Debatten stattfindet, richtet sich die Kritik daran oft nicht an uns als Lehrer_innen, Erzieher_innen, Erwachsene, Eltern, Geschwister, Vorbilder oder gar den Staat, sondern oft nur an eben jede Eltern der potenziellen Täter_innen ( da steht dann fest, dass versagt wurde) und an die Kinder selbst. Mobbing ist in Debatten meist vollkommen unpolitisch. Dass es insgesamt eine gesellschaftliche Aufgabe wäre, an der wir uns alle beteiligen müssten wie auch der Staat durch Ausbau von Hilfsangeboten etc. dass hört & liest man so gut wie garnicht.

Ich hätte damals jemanden gebraucht, der_die gecheckt hätte, was da abgeht. Ich hätte Lehrer_innen & oder Sozialarbeiter_innen gebraucht, die sensibilisiert für das Thema gewesen wären, statt Lehrer_innen die das ganze ignoriert haben.  Ich wusste nicht, dass das was mir über 10 Jahre widerfahren ist, nicht normal war. Ich dachte, dass man halt entweder ein Opfer ist oder eins von den coolen Kids. Es gab in der Schule keine Gespräche über Mobbing oder sonst was. Keine Prävention, keine Sensibilisierung. Ein großes Schule ohne Rassismus- Schild gab es am Eingang, aber wieviel Wert das wohl hatte, davon muss ich an dieser Stelle nicht anfangen. 

Selbst später in meiner Ausbildung zum Erzieher, war der Anteil den man darüber lernt verschwindend gering. Immerhin, es wurde darüber gesprochen. Eingeladen wurde dann Carsten Stahl, eine Person wie ein Schlag ins Gesicht, für jeden Menschen, dem Mobbing widerfahren ist. Und trotz vieler Proteste & vieler Kritik (auch & vorallem meinerseits) fand das Ganze statt. Immerhin ich wurde von der Veranstaltung freigesprochen. Warum ich das jetzt an dieser Stelle erzähle? Ich will deutlich machen, wie paradox der Umgang mit diesem Thema oft auch ist. Leute sind überfordert damit & statt Betroffenen zuzuhören werden irgendwelche gewalttätigen Schreihälse auf Bühnen gestellt, die einem erzählen, man solle kein Opfer mehr sein. Mehr gibt es ja eigentlich auch schon nicht mehr dazu zu sagen. Es wird sich eben leicht gemacht: Kinder die mobben sind böse, Eltern von solchen Kindern Versager_innen & Opfer sollen sich halt nicht mehr zu Opfern machen lassen – so lässt sich das Denken & Verständnis über diese Thema zusammenfassen.

Und was ist die Moral von der Geschicht? Während Menschen wie ich, ihr halbes Leben in Therapien verbringen weil Kinder unserer Gesellschaft vollkommen egal sind & die sich halt mal nicht so anstellen sollen, wundern sich Eltern die sich wie Arschlöcher aufführen, darüber dass sich ihre Kinder wie Arschlöcher aufführen. Während Menschen Suizid begehen, weil sie es nicht mehr aushalten jeden Tag im Überlebensmodus sein zu müssen, streicht die Politik Gelder für Sozialarbeit um sich im gleichen Atemzug darüber zu wundern, dass die Kinder von heute keine Sozialkompetenz mehr lernen & immer mehr „verrohen“. Mobbing ist kein Zufall & auch kein Naturgesetz. Mobbing ist Ausdruck von dem was hier schief läuft:

Mobbing ist Sozialchauvinismus, ist Ellenbogengesellschaft, ist Abbau & Einsparung von sozialer Arbeit. Mobbing ist politisch wie es politischer kaum sein könnte. Es braucht Aufklärung, es braucht Raum, es braucht ehrliche Debatten & es braucht endlich linke & emanzipatorische Perspektiven auf das Thema. Denn solange wir das Thema Mobbing Leuten wie Carsten Stahl überlassen, solange wird es keine ersthaften Lösungen über Populismus hinaus dagegen geben. Solange wird rechtes Pack weiter Propaganda damit machen können, dass das Problem die Kinder mit Migrationshintergrund sind, die „deutsche“ Schulen ins „Chaos“ stürzen. Und solange immer allen anderen die Schuld gegeben werden kann, solange wird sich auch nichts an den Umständen führen, die den Boden für Mobbing so fruchtbar machen.

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